Sarva-Darśana
„Alle Sichtweisen“ – philosophische Traditionen und Perspektiven.
Worterklärung
Sarva-Darśana setzt sich aus den Sanskritwörtern sarva und darśana zusammen. Sarva bedeutet „alles“, „alle“ oder „das Ganze“. Darśana geht auf die Sanskritwurzel √dṛś – „sehen“, „erblicken“ – zurück und bezeichnet zunächst das Sehen, die Schau oder eine bestimmte Sichtweise. Im philosophischen Zusammenhang kann darśana darüber hinaus eine Lehre, eine philosophische Position oder ein philosophisches System bezeichnen.
Sarva-Darśana lässt sich daher wörtlich annähernd als „All-Schau“ oder „Schau des Ganzen“, im philosophischen Sinne aber auch als „alle Sichtweisen“ oder „alle Lehren“ verstehen.
Sarva-Darśana-Saṅgraha
Das Sarva-Darśana-Saṅgraha – wörtlich eine „Zusammenstellung“ (saṅgraha) der verschiedenen bzw. „aller“ (sarva) philosophischen Sichtweisen (darśanas) – ist ein Werk des 14. Jahrhunderts CE, das traditionell Mādhavācārya* zugeschrieben wird. Es behandelt eine Reihe bedeutender philosophischer Schulen seiner Zeit und stellt sie nacheinander in ihren jeweiligen Grundpositionen und Argumentationsweisen dar.
Der Titel des Werkes bildet damit zugleich einen historischen Bezugspunkt für den Namen Sarva-Darśana: den Versuch, unterschiedliche philosophische Stimmen nicht auf eine einzige Perspektive zu reduzieren, sondern sie zunächst als eigenständige Systeme ernst zu nehmen.
Philosophischer Ansatz
In einem ähnlichen, wenn auch wesentlich weiter gefassten Sinne widmet sich Sarva-Darśana unterschiedlichen philosophischen Traditionen. Dazu gehören die Philosophien der Veda-Kultur, hinduistische, buddhistische und jainistische Systeme ebenso wie die philosophischen Traditionen der griechischen Antike und ausgewählte Positionen der neuzeitlichen und modernen Philosophie.Der Ausgangspunkt ist dabei transkulturell-philosophisch. Philosophische Fragen werden nicht von vornherein innerhalb der Grenzen einer einzelnen Kultur, Religion oder akademischen Tradition behandelt. Unterschiedliche Denktraditionen dürfen miteinander ins Gespräch treten, ohne dass eine von ihnen automatisch zum Maßstab für alle anderen gemacht wird.
Zugleich ist der Ansatz wissenschaftlich und quellbasiert. Philosophische Aussagen stehen nicht im luftleeren Raum. Kontext ist entscheidend: Aussagen müssen historisch, kulturell, sozial und institutionell eingeordnet werden. Entscheidend ist deshalb nicht nur, was gesagt wird, sondern auch wer etwas sagt, wann, wo, unter welchen Bedingungen und mit welchem Anliegen.
Dabei gilt: Quellen vor Meinungen. Primärtexte und historisches Material bilden den Ausgangspunkt; wissenschaftliche Forschung interpretiert und kontextualisiert diese Quellen. Auch traditionelle Erzählungen sind Quellen. Sie werden weder unkritisch als historische Tatsachen übernommen noch vorschnell als „bloße Mythen“ verworfen. Gerade ihre Entstehung, Weitergabe und Funktion können philosophisch und historisch aufschlussreich sein.
Ebenso wenig entscheidet die kulturelle Herkunft eines Forschers über die Qualität seiner Arbeit. Gute Wissenschaft ist nicht an Herkunft gebunden. Zugleich verlangt insbesondere die koloniale Geschichte der Indologie eine erhöhte methodische Selbstreflexion, wenn europäische Wissenschaftler indische Traditionen beschreiben und interpretieren.
Sarva-Darśana sucht daher keine universale Erklärung, die alle Traditionen auf ein einziges Schema reduziert, und auch keine einzige verbindliche Meistererzählung. Unterschiedliche Stimmen, Schulen und Interpretationen sollen in ihrer jeweiligen Eigenlogik ernst genommen und miteinander verglichen werden.
Hier treffen sich für mich Historiker und Philosoph: die historische Frage nach Kontext, Quellen und Entwicklung mit der philosophischen Frage nach Argumenten, Begriffen, Wahrheit und innerer Konsistenz.
* Mādhavācārya ist nicht mit Madhva, dem Begründer des Dvaita-Vedānta, zu verwechseln. Die häufig anzutreffende Identifikation des Autors des Sarva-Darśana-Saṅgraha mit Vidyāraṇya, dem Jagadguru des Śṛṅgeri Śāradā Pīṭha im späten 14. Jahrhundert, ist traditionell weit verbreitet, historisch jedoch nicht unumstritten.